Nachruf

Am 15. Februar 2019 verstarb unser langjähriger Mitarbeiter und Kollege Dr. Friedrich Reichel.

Geboren am 1. Dezember 1933 in Löbau/Sa. ging er in seinem Heimatort von 1940 bis 1942 in die Grundschule, ab 1944 in die Oberschule, deren Besuch er 1952 mit dem Abitur beendete. Im Anschluss studierte er bis 1956 an der Ernst-Moritz-Arndt-Universität Greifswald Kunstgeschichte im Hauptfach, Archäologie im Nebenfach. Von November 1956 bis Juni 1957 war er als Praktikant und freier Mitarbeiter am Stadtmuseum Bautzen tätig. Dort begegnete er sicher das erste Mal dem Porzellan als Sammelgut, als er Bestände des Museums katalogisierte. In Gesprächen mit ihm war immer wieder zu spüren, dass die dort verbrachte Zeit mit schönen Erinnerungen verbunden war.

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Mit 26 Jahren trat Friedrich Reichel im Januar 1959 als wissenschaftlicher Mitarbeiter in die Porzellansammlung der Staatlichen Kunstsammlungen Dresden ein. Bereits zehn Monate später wurde er zum Kustos ernannt, in dessen Verantwortung die reichen Bestände ostasiatischen Porzellans der ehemaligen Königlichen Sammlung gelegt waren.
Neben der intensiven Beschäftigung mit diesem für ihn neuen Gebiet arbeitete er an seiner Graduierung. Am 11. August 1972 legte er an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg seine Dissertation „Chinoiserie in Sachsen“ vor und am 3. Mai 1973 wurde er zum Dr. phil. promoviert. Damit war Friedrich Reichel einer der ersten Wissenschaftler, der sich dieses Themenkomplexes annahm. Wenn die sächsische Ausprägung des kunstgeschichtlichen Phänomens der Chinoiserie seit einigen Jahren und anhaltend im Focus der Forschung steht, ist dies nicht zuletzt der hier von Friedrich Reichel geleisteten Pionierarbeit zu danken.

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In den folgenden Jahren legte er zahlreiche Publikationen und Aufsätze zum ostasiatischen Porzellan der Dresdener Sammlung vor. Nur wenige davon können an dieser Stelle genannt werden: „Porzellane der frühen Ming-Zeit in der Dresdener Porzellansammlung“ (1972), „Altjapanisches Porzellan: Arita-Porzellan in der Dresdener Sammlung“ (1980), „Farbige Glasuren auf Porzellan. China 7. bis 18. Jahrhundert“ (1990) und schließlich „Die Porzellansammlung Augusts des Starken: Porzellankunst aus China – die Rosa Familie“ (1993).

Auch mit zahlreichen Beiträgen für die Dresdener Kunstblätter meldete sich Reichel zu Wort. Dabei fällt auf, dass er hier gern Themen wählte, die vermeintlich am Rande seiner Forschungen lagen. Eine seiner Leidenschaften galt den Erzeugnissen der Königlichen Porzellanmanufaktur Berlin. Der Bestand Berliner Porzellans ist in der Dresdener Sammlung recht überschaubar, aber Reichel wusste immer interessante Aspekte einzelner Objekte hervor zu heben und sie damit in einen spannenden historischen Kontext zu stellen.
Auch interessierten ihn die ab 1800 bis 1865 geführten Besucherbücher der Porzellansammlung. Nach zum Teil ausgesprochen schwieriger Transkription der Gästenamen widmete er sich in mehreren Aufsätzen den bedeutenden, von ihm identifizierten Besuchern.

Für die Handels- und Museumsgeschichte gleichermaßen bedeutsam sind Reichels 1989 begonnene Forschungen zur Sammlung des Kriegsrats Daniel Friedrich Raschke. Diese bürgerliche Sammlung erwarb August der Starke 1722 für sich. Heute sind im Rahmen eines Forschungsprojektes an der Porzellansammlung die Handelswege und Quellen des Porzellans erneut von Interesse.

Die ihm übertragene kommissarische Leitung der Porzellansammlung von Oktober 1993 bis Ende September 1994, vor allem die damit verbundene Verwaltungsarbeit, belastete ihn schwer. In seinem letzten Dienstjahr zum Oberkustos ernannt, trat er kurz vor seinem 40jährigen Dienstjubiläum am 30. November 1998 in den Ruhestand.

Friedrich Reichel war ein hochgebildeter und außerordentlich sensibler Kollege. Er arbeitete still und überaus gründlich. Fragen an ihn blieben niemals unbeantwortet. Reichte das ihm eigene hohe Wissen nicht aus, recherchierte er in den ihm zur Verfügung stehenden Nachschlagewerken. Den Kontakt zur Porzellansammlung und zu seinen ehemaligen Kolleginnen und Kollegen verlor er bis zuletzt nicht. Im Gedächtnis der Sammlung hat er sich einen Ehrenplatz erworben.

Wir vermissen Friedrich Reichel und werden ihn in dankbarer Erinnerung behalten.

Anette Loesch für die Kolleginnen und Kollegen der Porzellansammlung Dresden,
27. Februar 2019

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